Doris Dörrie
Die Heldin reist
Inhaltszusammenfassung
KI-generierter InhaltDoris Dörries autofiktionales Reisebuch verbindet drei im Jahr 2019 unternommene Reisen nach San Francisco, Japan und Marokko mit Erinnerungen aus früheren Lebensphasen. Die Ich-Erzählerin blickt aus der Zeit der Corona-Pandemie auf ein Leben zurück, in dem sie fast ständig unterwegs war. Erst der erzwungene Stillstand macht ihr bewusst, dass jene Reisen vorerst ihre letzten gewesen sind. Reisen erscheint ihr seit der Kindheit als Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern und in der Fremde eine andere Version ihrer selbst zu entdecken. Diese Haltung hat sie von ihren Eltern übernommen, die nach ihren Erfahrungen im nationalsozialistischen Deutschland das Kennenlernen anderer Länder beinahe als Verpflichtung betrachteten. Obwohl die gemeinsamen Autofahrten nach Italien für die vier Töchter oft beschwerlich waren, wurden sie zum Ausgangspunkt einer dauerhaften Reiselust.
Den gedanklichen Rahmen bildet die traditionelle Heldenreise. Nach diesem Erzählmuster muss ein zunächst unsicherer Mann sein Zuhause verlassen, Prüfungen bestehen, einen entscheidenden Gegner überwinden und verwandelt zurückkehren. Frauen sind in solchen Geschichten gewöhnlich nicht als Reisende vorgesehen: Sie bleiben zu Hause, sorgen sich und warten auf die Rückkehr des Helden. Dörrie fragt deshalb, wie eine weibliche Heldenreise aussehen kann. Ihre Antwort entsteht nicht als geradlinige Abenteuergeschichte, sondern aus Episoden über Aufbruch, Angst, Abhängigkeit, Freundschaft, Alter und Verlust. Die reisende Frau muss keine mythischen Drachen besiegen; ihre Prüfungen liegen in gesellschaftlichen Rollenerwartungen, persönlichen Verletzungen und der Aufgabe, die eigene Geschichte selbst zu bestimmen.
Die erste Station ist San Francisco, wohin Dörrie wegen eines Filmfestivals reist. Die Stadt erinnert sie an ihren ersten großen Aufbruch: In den frühen 1970er-Jahren kam sie nach Kalifornien, um Theater und Schauspiel zu studieren. Sie sprach damals nur unvollkommen Englisch, kannte niemanden und zweifelte dennoch kaum daran, dass ihr die Welt offenstand. Erst später erkannte sie, wie stark diese Furchtlosigkeit auf der Überzeugung beruhte, Männern vollständig gleichgestellt zu sein. Beim Wiedersehen mit Kalifornien trifft sie Freundinnen ihrer Generation. Eine von ihnen ist vor Kurzem Witwe geworden und spricht über die Begleitung ihres schwer kranken Mannes. Dörrie, die selbst den Tod ihres ersten Ehemanns erlebt hat, verbindet diese Begegnung mit Gedanken über Fürsorge, Trauer und die unspektakulären Formen weiblichen Mutes. Am Strand betrachten die älteren Frauen ihre Körper und erkennen, wie tief das erlernte Vergleichen und Bewerten des weiblichen Aussehens in ihnen verankert ist. Gleichzeitig sehen sie, dass sie zentrale Ziele ihrer Generation erreicht haben: berufliche und finanzielle Unabhängigkeit sowie die Freiheit, selbst aufzubrechen.
Der umfangreichste Teil spielt in Japan, einem Land, das Dörrie seit Jahrzehnten bereist und in dem sie auch gearbeitet hat. Erinnerungen an ihre erste Ankunft – die Höflichkeit des Personals, die weißen Handschuhe eines Taxifahrers und die ungewohnten niedrigen Tische – stehen neben Erfahrungen aus späteren Aufenthalten. Bei einer Teezeremonie sucht sie nach innerer Ruhe, spürt im Schneidersitz jedoch vor allem ihre schmerzenden Knie. Solche Situationen zeigen, dass Vertrautheit mit einer Kultur die Fremdheit nicht vollständig beseitigt. Dörrie denkt darüber nach, wie leicht Reisende glauben, ein Land verstanden zu haben, und wie sehr sie dennoch von den eigenen Gewohnheiten und Privilegien geprägt bleiben. Sie erzählt außerdem von den Ama, selbstständigen japanischen Meerfrauen, die ohne Atemgerät nach Muscheln und anderen Meerestieren tauchen und durch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit traditionelle Frauenrollen überschreiten.
Im Zentrum des Japan-Teils steht Tatsu, eine gleichaltrige Japanerin, die Dörrie Jahre zuvor in Kyoto kennengelernt hat. Tatsu kam 1973 nach Hannover, Dörries Geburtsstadt, um klassischen Gesang zu studieren. Als junge, übergewichtige Japanerin erlebte sie in Deutschland zugleich Fremdenfeindlichkeit, Bodyshaming und Sexismus. Sie wohnte bei einem Ehepaar, Michi und dem Gesangslehrer Wolle. Aus der zunächst hilfreichen Unterkunft entstand ein Geflecht aus Arbeit, emotionaler Bindung und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Tatsu übernahm immer mehr Aufgaben im Haushalt und bei der Betreuung der Kinder. Zugleich geriet sie in eine schmerzhafte sexuelle Beziehung zu Wolle, von dessen Anerkennung und Unterstützung auch ihre Ausbildung und ihr Bleiben in Deutschland abhingen. Ihre Geschichte führt vor, wie schwer es sein kann, Übergriffe und Ausbeutung zu benennen, wenn Zuneigung, Dankbarkeit, berufliche Hoffnung und Abhängigkeit miteinander verbunden sind. Hinzu kommen rassistisch motivierte Gewalt und die ständige öffentliche Bewertung ihres Körpers. Dass Tatsu dennoch weiterlebt, erzählt und sich sichtbar macht, erscheint als eine Form von Heldinnentum, die nicht aus einem einmaligen Sieg, sondern aus fortgesetztem Überleben besteht.
Die dritte Reise führt Dörrie gemeinsam mit einer langjährigen deutschen Freundin nach Marrakesch. Beide sind inzwischen über sechzig und erleben, dass das Reisen im Alter neue Unsicherheiten mit sich bringt. Bei einem Ausflug in Richtung Atlasgebirge müssen sie entscheiden, ob sie ihren Befürchtungen und Vorurteilen folgen oder sich auf eine unbekannte Situation einlassen. Ihre Neugier setzt sich durch, wobei die Begleitung der Freundin das Abenteuer erleichtert. Zugleich kehrt Dörrie an einen Ort zurück, der Erinnerungen an eine frühere toxische Beziehung hervorruft. Als junge Frau war sie einem Mann emotional nachgelaufen, der Nähe gewährte und wieder entzog, sie zurückließ und sie dazu brachte, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Die äußere Reise wird dadurch zur Konfrontation mit einer Abhängigkeit, die nicht zum Bild der selbstbewussten, erfolgreichen Frau passt, aber lange Teil ihrer Geschichte war.
Den abschließenden Höhepunkt bildet der Rückflug aus San Francisco. Kurz nach dem Start sind ein Knall, gelber Feuerschein und Flammen zu bemerken; das Flugzeug muss umkehren. Die Erzählerin, die sich früher für nahezu angstfrei hielt, erlebt Todesangst und verliert ihr gewöhnliches Zeitgefühl. Die Maschine landet schließlich sicher. Damit erfüllt die Reise unerwartet das zu Beginn beschriebene Muster: Die Heldin überschreitet eine Schwelle, begegnet ihrer Angst und kehrt zurück. Ihr Gewinn ist jedoch keine äußere Belohnung. Entscheidend ist die Einsicht, dass Mut nicht in Angstlosigkeit besteht und eine Heldin nicht alles allein bewältigen muss. Freundschaften, das Erzählen erlittener Erfahrungen und die Bereitschaft, trotz Verletzlichkeit erneut aufzubrechen, verbinden die drei Reisen zu einer gemeinsamen Geschichte.
Automatisch erstellt am 12.08.2026, 01:51 Uhr.
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