Annie Ernaux
Das andere Mädchen
Inhaltszusammenfassung
KI-generierter InhaltDer autobiografische Text ist als Brief an Ginette gestaltet, die ältere Schwester Annie Ernaux’, die lange vor der Niederschrift gestorben ist und von der die Verfasserin zu Lebzeiten ihrer Eltern kaum etwas erfahren hat. Ausgangspunkt ist ein altes, ovales Sepiafoto. Es zeigt ein Kleinkind, das Annie zunächst für sich selbst gehalten hatte. Erst später erkennt sie, dass darauf Ginette zu sehen ist. Auch deren Grab auf dem Friedhof von Yvetot gehört zu den wenigen materiellen Spuren ihres Lebens. Es liegt neben dem Grab der Eltern und wird von Annie besucht, ohne dass sich daraus eine gewöhnliche Beziehung zwischen Schwestern herstellen ließe.
Im Sommer 1950 ist Annie zehn Jahre alt. Ihre Eltern betreiben in Yvetot ein Lebensmittelgeschäft mit Café. Während Annie draußen mit einem anderen Mädchen spielt, belauscht sie zufällig ein Gespräch ihrer Mutter mit einer Kundin. Die Mutter erzählt mit gedämpfter Stimme, sie und ihr Mann hätten vor Annie bereits eine Tochter gehabt. Dieses Kind sei in Lillebonne im Alter von sechs Jahren an Diphtherie gestorben. Sie schildert die Atemnot des erkrankten Mädchens, bezeichnet dessen Aussehen im Tod als das einer kleinen Heiligen und erinnert sich an letzte Worte, in denen das Kind vom Himmel, von der Jungfrau Maria und vom Jesuskind gesprochen habe. Der Vater sei bei seiner Heimkehr von der Arbeit außer sich gewesen, als er die Tochter tot vorfand.
Annie hört außerdem, ihre Eltern hätten ihr nichts von der Verstorbenen erzählt, um sie nicht zu belasten. Am stärksten prägt sich ihr jedoch der abschließende Vergleich der Mutter ein: Ginette sei viel lieber gewesen als „die da“. Annie versteht sofort, dass damit sie selbst gemeint ist. Die beiläufig mitgehörten Sätze verändern ihr Bild von der Familie. Sie erfährt gleichzeitig von der Existenz einer Schwester und davon, dass diese in der Erinnerung der Mutter als das bessere Kind fortlebt.
Ginette erscheint fortan als fromme, gehorsame und liebevolle Tochter. Annie erlebt sich im Gegensatz dazu als aufsässig, unordentlich, gefräßig, besserwisserisch und wenig anschmiegsam. Solche Vorwürfe hatten ihre Eltern ihr häufig gemacht, ohne dass sie zuvor an ihrer Liebe gezweifelt hätte. Als verwöhntes Einzelkind, dem viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und das in der Schule hervorragende Leistungen erzielt, hatte sie ihre Stellung in der Familie für selbstverständlich gehalten. Durch den Vergleich mit der Toten erhält ihr Verhalten nun jedoch ein unsichtbares Gegenbild. Auch die katholische Religion verstärkt diesen Gegensatz: Ginette wird mit einer Heiligen verbunden, während Annie sich wegen kindlicher sexueller Erfahrungen als sündig erlebt und von Geistlichen mit der Hölle bedroht wird.
Nach dem belauschten Gespräch wird in der Familie niemals offen über Ginette gesprochen. Annie stellt weder den Eltern noch Verwandten Fragen. Das Schweigen ist beiderseitig und dauert bis zum Tod der Eltern an. Trotzdem bleibt die Schwester gegenwärtig. Annie beginnt rückblickend, verstreute Hinweise zu ordnen. Ihren Namen erfährt sie von einer Cousine. Als Jugendliche empfindet sie „Ginette“ als altmodisch und beinahe lächerlich; auch später fällt es ihr schwer, ihn auszusprechen. Mit mindestens achtzehn Jahren entdeckt sie in einem offen stehenden, rostigen Tresor auf dem Dachboden das Familienbuch. Darin stehen die beiden Töchter untereinander: Ginette mit dem amtlichen Vermerk ihres frühen Todes, Annie als die Nachgeborene.
Auch Fotografien waren vor ihr verborgen worden. Die wenigen erhaltenen Bilder zeigen Ginette als Kleinkind oder bei Familienanlässen, doch sie ergeben keine zusammenhängende Lebensgeschichte. Ein besonders eindrückliches Porträt, auf dem die Tote in Annies Vorstellung wie eine Heilige erscheint, ist später verschwunden. Weitere Spuren sind einzelne Gegenstände und einige Murmeln. Von besonderer Bedeutung ist das Kinderbett: Annie schlief bis etwa zum siebten Lebensjahr in demselben Bett, das zuvor Ginette gehört hatte und in dem diese vermutlich gestorben war. Danach wurde es zerlegt und auf dem Dachboden aufbewahrt. Annie erkennt, dass sie nicht nur den Platz der Schwester in der Familie, sondern buchstäblich deren Bett übernommen hatte.
Die Eltern hielten ihre Trauer aus Annies Alltag heraus, gaben Ginette jedoch keineswegs dem Vergessen preis. Sie besuchten ihr Grab regelmäßig mit dem Fahrrad und brachten Blumen aus dem Garten. Das Kind war bewusst in Yvetot beigesetzt worden, wo viele Angehörige lebten und das Grab besuchen konnten. Für Annie bestand die Familie nach außen dennoch immer nur aus Vater, Mutter und ihr selbst. Selbst im rückblickenden Brief gelingt es ihr kaum, von „unseren Eltern“ zu sprechen, weil sie Ginette nicht in das vertraute Dreieck ihrer Kindheit einordnen kann.
Aus den Lebensumständen der Eltern ergibt sich eine weitere Erkenntnis. Als Arbeiter und spätere kleine Geschäftsleute hätten sie sich kein zweites Kind leisten können. Wäre Ginette am Leben geblieben, wäre Annie wahrscheinlich nicht geboren worden. Sie begreift sich deshalb als Ersatzkind, dessen Existenz vom Tod der Schwester abhängt. Diese Vorstellung verbindet Dankbarkeit, Schuld, Eifersucht und Abwehr. Ginette war das Unglück der Eltern gewesen; Annie wurde zu ihrer Hoffnung und Zukunft. Sie erreichte das Alter, das der Schwester versagt blieb, bestand Prüfungen, machte Abitur, studierte und entfernte sich durch Bildung und sozialen Aufstieg von der Herkunftswelt der Familie.
Annie erinnert sich zugleich an eine schwere eigene Erkrankung. Als Fünfjährige zog sie sich durch einen rostigen Nagel eine gefährliche Infektion zu. Ihre verzweifelte Mutter gab ihr Wasser aus Lourdes und deutete ihre Genesung als wunderbare Rettung. Für Annie entsteht daraus ein Widerspruch: Die als gut und heilig erinnerte Ginette wurde nicht gerettet, während sie selbst, das angeblich schwierige und wenig fromme Kind, überlebte. Ihr Überleben erhält dadurch in der Familiengeschichte eine besondere, aber belastende Bedeutung.
Der Brief kann Ginette nicht zu einer vertrauten Schwester machen. Zwischen beiden gibt es keine gemeinsamen Erinnerungen, und die direkte Anrede schafft nur eine vorgestellte Nähe. Ginette bleibt eine aus Fotos, Gegenständen, Schweigen und Erzählungsfragmenten zusammengesetzte Gestalt. Indem Annie ihr Leben niederschreibt, versucht sie, der Toten nachträglich eine Existenz zu geben und eine empfundene Schuld auszugleichen. Zugleich erkennt sie die endgültige Trennung: Ginette gehört zur Welt der Eltern und ihrer normannischen Gräber, während Annie diese Welt verlassen hat. Das Schreiben hält die Tote fest, dient aber ebenso der Selbstbehauptung der Überlebenden, deren Leben und Werk nur möglich wurden, weil das andere Mädchen starb.
Automatisch erstellt am 12.08.2026, 08:29 Uhr.
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