Helga Schubert
Vom Aufstehen
Inhaltszusammenfassung
KI-generierter InhaltDer Band besteht aus 29 autobiografisch grundierten Geschichten, Erinnerungsbildern und Betrachtungen. Sie ergeben keinen streng chronologischen Lebensbericht, sondern führen wiederholt zwischen Kindheit, DDR-Zeit, deutscher Vereinigung und Gegenwart hin und her. Im Mittelpunkt steht eine Ich-Erzählerin, deren Lebenslauf weitgehend dem Helga Schuberts entspricht. Die einzelnen Texte verbinden persönliche Erfahrungen mit deutscher Geschichte und fügen sich zu einer Entwicklung zusammen, die von Krieg, Verlust und familiärer Kälte über das Leben in einer Diktatur bis zu Freiheit, Alter und Versöhnung reicht.
Eine der frühesten und glücklichsten Erinnerungen führt in den Garten der Großmutter väterlicherseits in Greifswald. Dort verbringt das Mädchen seine Sommerferien. Nach der Ankunft schläft es in einer Hängematte und erwacht zum Duft von frisch gebackenem Streuselkuchen. Die Großmutter und deren Freund vermitteln ihm Geborgenheit und bedingungslose Zuneigung. Dieser Garten wird zum Gegenbild des Lebens bei der Mutter und zu einem inneren Zufluchtsort, von dem die Erzählerin noch im Alter zehrt.
Der Vater ist während des Zweiten Weltkriegs an der Ostfront gefallen, als seine Tochter erst ein Jahr alt war. Sie kennt ihn nur aus Berichten und Fotografien. Während die Mutter ihm politische Nähe zum Nationalsozialismus vorhält, beschreibt die Großmutter ihn als sanften Menschen. Die Tochter kann diese widersprüchlichen Bilder nicht auflösen und trauert lebenslang um einen Mann, an den sie keine eigene Erinnerung besitzt. Hinzu kommen weitere Verluste in der väterlichen Familie: Auch der Bruder des Vaters stirbt im Krieg, der Großvater später infolge einer Verwechslung mit einem gesuchten SS-Mann.
Die Mutter ist bereits mit 27 Jahren Kriegerwitwe. Wegen der Bombenangriffe verlässt sie mit dem Kind Berlin und sucht bei Verwandten in Groß Tychow in Hinterpommern Schutz. Als die Rote Armee näher rückt, muss sie erneut fliehen. Von den Verwandten weitgehend alleingelassen, zieht sie zu Fuß mit ihrer fünfjährigen Tochter in einem Kinderwagen Richtung Westen und erreicht schließlich die Schwiegereltern in Greifswald. Das Überleben auf dieser Flucht betrachtet sie später als eine ihrer drei großen Leistungen gegenüber der Tochter: Sie habe das Kind nicht abgetrieben, auf der Flucht nicht zurückgelassen und angesichts des Einmarschs der sowjetischen Soldaten weder vergiftet noch erschossen.
Nach dem Krieg leben Mutter und Tochter in Berlin, später in Ostberlin. Die Mutter arbeitet, bleibt wirtschaftlich selbstständig und geht keine dauerhafte neue Partnerschaft ein. Der Tochter begegnet sie jedoch hart und fordernd. Sie schlägt sie, wertet sie ab und macht deutlich, dass sie lieber einen Sohn gehabt hätte. Als das Kind ihr 1946 eine selbst angefertigte Kette aus weißen Bohnen schenkt, weist die Mutter das Geschenk zurück. Besonders verletzend ist ihre spätere Bemerkung, es wäre besser gewesen, die Tochter wäre nach der Flucht gestorben. Zugleich ähnelt das Mädchen nach Ansicht der Mutter immer stärker dem gefallenen Vater und der ungeliebten Schwiegermutter.
Trotz dieser Zurückweisung übernimmt die Tochter früh Verantwortung. Sie teilt der Mutter Geld ein und begleicht später wiederholt deren Rechnungen. Im hohen Alter lebt die Mutter weiterhin über ihre Verhältnisse, kauft zahlreiche Bücher und Kunstgegenstände und leiht sich Geld. Eine intensive Bindung entwickelt sie dagegen zu ihrer Urenkelin Milli, die sie umsorgt und großzügig beschenkt. Als sie bei einem Krankenhausaufenthalt Milli statt der anwesenden Tochter als Vertrauensperson nennt, erreicht der Konflikt für die Erzählerin einen neuen Tiefpunkt.
Parallel zur Familiengeschichte schildern die Texte das Leben in der DDR. Die Erzählerin erlebt 1961 als junge Studentin den Bau der Berliner Mauer und erkennt allmählich, dass das Leben im abgeschlossenen Staat kein vorübergehender Zustand sein wird. Die Ostsee verkörpert für sie zugleich Begrenzung und Hoffnung: Am Horizont sieht sie Fähren nach Dänemark und Schweden, die für sie unerreichbar bleiben. Auch alltägliche Begegnungen zeigen die Kontrollmechanismen des Staates. Als ihr Sohn eine Ausbildung in der Forstwirtschaft anstrebt, wird zunächst geprüft, ob nahe Verwandte im Westen leben und dadurch angeblich Betriebsgeheimnisse über die Lärchenzucht gefährdet sein könnten.
Als Schriftstellerin und Psychotherapeutin besitzt die Erzählerin gewisse berufliche Möglichkeiten, verweigert sich aber einer Anpassung an die SED. Wegen ihrer Haltung gilt sie als politisch unzuverlässig, wird vorgeladen und über Jahre von der Staatssicherheit überwacht. Eine Reise zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb wird ihr verweigert. Obwohl sie bei Reisen in den Westen hätte bleiben können, entscheidet sie sich dagegen, weil sie ihren Mann und die Menschen, mit denen sie verbunden ist, nicht verlassen will. Halt findet sie in der evangelischen Kirche. Dort beteiligt sie sich an Veranstaltungen und erlebt 1989, wie Pfarrer und Gemeindemitglieder nach Friedensgebeten mit Kerzen in den öffentlichen Raum treten.
Den Fall der Mauer nimmt sie als Befreiung wahr. In der Nacht besucht sie das Brandenburger Tor und entdeckt auf der noch stehenden Sperrmauer die Mitteilung, die Mauer sei weg. Während des politischen Übergangs arbeitet sie als Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches, lehnt jedoch das Angebot einer politischen Kandidatur ab. Die deutsche Einheit begrüßt sie ausdrücklich. Selbst alltägliche Veränderungen, etwa frei erhältlicher Spargel oder die Möglichkeit, tatsächlich eine Ostseefähre zu besteigen, machen die neue Freiheit sichtbar. Zugleich registriert sie nach 1990 auch Gewalt, politische Radikalisierung und gesellschaftliche Verwerfungen.
Im Alter lebt die Erzählerin mit ihrem pflegebedürftigen Mann in einem Haus in Mecklenburg. Sie betrachtet das Altwerden, die wechselnden Wohnorte und ihre Arbeit als Schriftstellerin. Schreiben bedeutet für sie, persönliche Erfahrungen so mitzuteilen, dass ein anderer Mensch davon erfährt. Über die Mutter kann sie jedoch erst nach deren Tod offen schreiben. Zuvor sucht sie auf einer Nordseeinsel das Gespräch mit einer Pastorin, weil sie glaubt, das vierte Gebot nicht erfüllen zu können: Sie kümmert sich um ihre Mutter, kann sie aber nicht lieben. Die Pastorin erklärt ihr, geboten sei das Ehren der Eltern, nicht eine erzwingbare Liebe. Diese Unterscheidung entlastet sie.
Am Sterbebett der über hundertjährigen Mutter erkennt die Tochter schließlich beides an: die lebenslangen Verletzungen und die Tatsache, dass sie der Mutter ihr Überleben sowie ihre frühe kritische Sicht auf politische Verhältnisse verdankt. Sie versteht außerdem, dass die Mutter selbst durch Krieg, Flucht, Witwenschaft und Einsamkeit geprägt wurde und nie die Liebe und Geborgenheit erfahren hat, die der Tochter in ihrer Ehe zuteilwurden. Der abschließende Text kehrt zum Motiv des Aufwachens zurück. Wie einst in der Hängematte der Großmutter nimmt die alte Erzählerin den Übergang vom Schlaf zum Tag bewusst wahr. Das tägliche Aufstehen wird zum ruhigen Abschluss eines Lebens, mit dessen Widersprüchen sie Frieden geschlossen hat.
Automatisch erstellt am 12.08.2026, 00:31 Uhr.
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